Interview mit Christoph Marzi

 
Christoph Marzi

Sie haben sich in GRIMM den alten Märchen zugewandt?
Warum gerade Märchen?

Ich habe bereits früher Märchen geschrieben, oder, wenn Sie so wollen, mich an modernen Versionen klassischer Märcheninhalte versucht. In den Romanen um die uralte Metropole, in Colin Darcys Heimkehr nach Ravenscraig und Danny Darcys Abenteuer in den Sümpfen Louisianas, während David Pettyfers Suche nach der Vergangenheit des Mädchens Heaven und erst recht in „Nimmermehr“ – überall klingen die Märchen von einst an. Es sind eben urtümliche Geschichten, deren Inhalte nicht an Aussagekraft verloren haben. Es geht um die Dinge, die wirklich wichtig sind. Und die Mythen aus den Gefilden unserer Kindheit leben noch immer unter uns.

Dann sind Märchen nach wie vor modern?

Selbst in den alten, ursprünglichen Fassungen, ja, natürlich. Oder, um G.K. Chesterton zu bemühen: Märchen zeigen uns nicht nur, dass es Drachen gibt, sondern sie betonen auch, dass man Drachen besiegen kann. Und darauf kommt es an.

Welche Märchen haben sie selbst gelesen?

Nun ja, zu aller erst bekam ich Märchen natürlich vorgelesen oder erzählt. Später dann habe ich sie selbst gelesen, in allen möglichen Varianten (heißt: in vereinfachter Textform und in den Originalversionen). Welche Märchen genau das waren? Die Klassiker, könnte man sagen. Natürlich die deutschen Sammlungen: die Brüder Grimm, Hauff, Tieck, aber auch E.T.A. Hoffmann und Goethe. Angela Carter; sie hat so wunderbare Sammlungen veröffentlicht und beschränkt sich dabei nicht nur auf die europäischen Märchen. Märchen aus Tausendundeiner Nacht. Märchen in Form alter Filme, insbesondere all die wunderbaren tschechischen und deutschen Verfilmungen. Darüber hinaus habe ich kürzlich Kerstin Ekmans Buch „Der Wald“ verschlungen; kein Märchen, aber eine Sammlung von Mythen, historischen Fakten und Geschichten über den Mythos des Waldes.

Welche Funktion haben Märchen?

Die gleiche, wie fantastische Geschichten im Allgemeinen. Sie zeigen uns, wie die Wirklichkeit aussieht. Sie halten uns einen Spiegel vor. Es ist, als begebe man sich auf eine lange Reise. Man sieht ferne Länder, lernt fremde Menschen und Bräuche kennen, trifft auf Gefahren und muss Unbekanntes meistern. Man dringt in unentdeckte Länder vor und dann kehrt man nach Hause zurück. Genauso ist es doch. Man kehrt nach der Reise dorthin zurück, wo man herkam, und dann sieht man die Welt, in der man lebt, mit völlig anderen Augen.

Eine Reihe von Autoren widmet sich dem Märchenthema.
Ist hier ein neuer Trend zu erkennen, was glauben Sie?

Ich habe kürzlich „Reckless“ von Cornelia Funke gelesen (wunderschön mit herrlich altmodischen Zeichnungen) und in meinem Regal steht noch, leider bisher ungelesen, „Die geheime Sammlung“ von Polly Shulman. Die Branche stürzt sich immer gerne auf diese Themen, zumal ja immer wieder gerne nach einem neuen Trend und Goldesel gesucht wird.

Ob wir es hier mit einem neuen Trend zu tun haben, kann ich nicht sagen. Ich denke, dass jeder Schriftsteller, der sich dieses Themas annimmt, seine persönlichen Gründe und Vorlieben hat, dies zu tun. Märchen sind nun einmal unverwüstlich und existenziell. „Beastly“ von Alex Flinn gehört ebenfalls zu dieser Kategorie von Geschichten wie „As you wish“ von Jackson Pearce und „Mirror, Mirror“ von Gregory Maguire. Wie gesagt, es geht hier um grundlegende Inhalte. Für mich ist die Welt der uralten Metropole ebenso ein Ort der alten Märchen wie der dunkle, tiefe Wald im Harz.

Dann glauben Sie, dass viele der modernen Geschichten ihre Wurzeln in den alten Märchen haben?

Ist das nicht offensichtlich? Die grundlegenden Dinge, die uns beschäftigen, haben sich nie geändert. Nur äußerlich. Früher verkaufte man seine Seele an den Teufel, heute unterschreibt man einen Handy-Vertrag. Früher stahlen einem böse Geister die Lebenszeit, heute gibt es das Social Media Phänomen. Am Ende interessieren uns doch immer die Menschen und das, was ihnen widerfährt. Darum geht es in guten Märchen. Wie lerne ich es, ein guter Mensch zu sein? Wie kann ich das Leben meistern? Welchen Weg soll ich wählen? In den Märchen geht es um Fragen, die wir uns allesamt und alltäglich stellen. Wie es aussieht, haben sich diese Fragen in den letzten paarhundert Jahren kaum verändert.

Und überhaupt, die Märchen waren niemals aus ihrem Leben verschwunden. Denken Sie nur an Filme wie „Die Zeit der Wölfe“ von Neil Jordan, „Pans Labyrinth“ von Guillermo del Toro oder „Valerie – Eine Woche voller Wunder“ von Jaromil Jires. Oder an „Pretty Woman“. An „Krabat“ von Otfried Preußler, an „Die Brüder Löwenherz“ von Astrid Lindgren oder „Die Brautprinzessin“ von William Goldman. Auch an „Star Wars“. Man muss nur die Augen öffnen und sieht die Märchen überall – oder glauben Sie nicht, dass Lisa Plenzke eine heimliche Schwester von Aschenputtel war?

Sie haben mit Vesper Gold und Leander Nachtsheim
ein wunderbares modernes Liebespaar geschaffen.

Das hoffe ich doch sehr. Das Glück der beiden lag mir am Herzen.

Und das Ende der Geschichte?

Ist genauso geworden, wie es sein soll. Die letzte Szene im Turm war eine der ersten, die ich vor Augen hatte – und das gilt sogar für den letzten Satz.

Dann wussten sie also, dass es so endet?

Ich kenne das Ende immer, bevor ich beginne. Denn erst das Ende ergibt allem anderen einen Sinn. Das alte Problem, könnte man sagen: man kann das Leben nur rückwärts verstehen, muss es aber vorwärts leben. Mit Geschichten verhält es sich ähnlich.

Die klassischen Märchenerzähler erscheinen in GRIMM nun in völlig neuem Licht.
Hatten Sie kein schlechtes Gewissen, ihnen diesen Hintergrund anzudichten?

Nein, eigentlich nicht. Nichts ist wirklich gut oder böse. Es ist wichtig, dass jeder Charakter seine Motivation hat. Jeder tut das, was er für das Richtige hält. Das ist ja das Problem an der Sache. Außerdem geht es ja um die Frage: was wäre wenn ...

Eine konkrete Frage zum Schluss: Wird es eine Fortsetzung geben?

Ich überlasse es dem Leser – dieses Mal viel uneindeutiger als sonst – wie er das Ende versteht. Für mich ist das Ende klar umrissen, da gibt es nichts Zweideutiges. Es gibt noch die Macht des Wünschens, ganz klar. Und bezüglich einer Fortsetzung? Soweit es mich angeht, ist nicht geplant, die Geschichte weiterzuspinnen.

 

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