Wieso schreiben Sie gerade über Drachen? Was fasziniert Sie an diesen Geschöpfen?
Ein Punkt ist sicher, dass sie von ihrem Wesen her nicht festgelegt sind, dass sie mir von klein auf ganz unterschiedlich in Geschichten begegnet sind, vom freundlichen Fuchur in der Unendlichen Geschichte bis zur vom Gold besessene Kreatur, die den Nibelungenschatz bewacht. Dabei sind Drachen groß und eigentlich immer präsent, keine Randfiguren, und jeder hat einen eigenen Charakter. Aber vor allem waren sie für mich immer ungebändigt und frei, nicht zuletzt weil sie – oftmals – fliegen können. Von allen phantastischen Kreaturen fällt mir jetzt auf Anhieb keine ein, die leichter ein Symbol für Freiheit sein kann. Und zugleich für Unterdrückung, denn ihre Stärke und Macht befähigt sie dazu, andere in Angst zu versetzen, ganze Landstriche; und Angst ist eine Voraussetzung für Unterdrückung. Für die Drachenflüsterer-Romane hat mich nun der Aspekt von Freiheit stärker gereizt, die in den Romanen ebenfalls vorhandene Unterdrückung geht eher von Menschen aus, von festgefahrenen Strukturen. Ebenso wichtig für mein Faible für Drachen ist, dass mich Saurier von klein auf fasziniert haben, der T-Rex, Triceratops und auch die großen Flugsaurier, Pteranodon und natürlich Quetzalcoatlus . Mein liebstes Malbuch war ein Saurier-Malbuch, schon früh habe ich ein erstes Sachbuch dazu gelesen und die zahlreichen Bilder darin abgepaust, ein Wollnashorn ( kein Saurier, aber auch cool) sogar aus Holz ausgesägt. Diese Faszination hat sich später dann auch auf Drachen ausgeweitet, und letztlich hat mich das Bild von Saurierknochen in der Erde auch zur Herkunft meiner Drachen inspiriert.
Flautenschlotterer, Pickeltroll und Rinnsteinschnepfe – auch im 3. Band der Drachenflüsterer-Serie wimmelt es ja wieder vor großartigen Beschimpfungen, die die Welt noch nicht gehört hat. Wie und in welchen Situationen kommen Sie auf diese zum Teil aberwitzigen Beschimpfungen? Wenn Ihnen jemand die Vorfahrt nimmt oder den letzten Schokoladenmuffin wegschnappt oder wenn Sie Ihre Steuererklärung machen müssen?
Eigentlich fallen sie mir nur ein, wenn ich grundsätzlich gute Laune habe, wenn ich wirklich sauer bin, greife ich ganz unkreativ auf traditionelle Beschimpfungen zurück. Oder werde spöttisch.
Die Beschimpfungen im Drachenflüsterer entstehen sehr viel weniger emotional. Zum einen macht es mir einfach Spaß, mir Beschimpfungen auszudenken, zum anderen kann man in derartigen Ausdrücken auch Figuren und Welt charakterisieren. Wird jemand in einem Fantasyroman beispielsweise als "Trollbollen" beschimpft, weiß der Leser nicht nur, dass hier einer den anderen nicht leiden kann, sondern auch, dass es in dieser Welt Trolle gibt und sie vermutlich nicht sonderlich hoch angesehen sind; zumindest beim Schimpfenden nicht. Das sind nur Details, aber für mich wird eine fiktive Welt so ganz nebenbei bunter.
Außerdem mochte ich schon immer Wortduelle in Büchern und Filmen, ich habe als Kind die derben Beschimpfungen in Der Krieg der Knöpfe geliebt und fand es lustig, wenn Der kleine Nick und seine Freunde oder Asterix und Obelix sich wieder mal in die Haare gerieten. Diese Figuren waren lebendig. Irgendwie hat sich daraus eine Freunde an Beschimpfungen entwickelt, die ich aber vorwiegend literarisch auslebe und nicht im Alltag. Im Alltag halte ich viel von einer gewissen Höflichkeit und Respekt voreinander und werde auch lieber mit "Boris" angesprochen als mit "matschschmatzender Wasserghul".
Angeblich können Sie überhaupt nicht kochen, trotzdem überraschen Sie uns mit exquisiten Speisenvorschlägen wie Fischsalat und Drachengeschnetzeltem. Würden Sie die Einladung annehmen, wenn jemand eine dieser Mahlzeiten nachkochen und Sie zum Essen einladen würde?
Drache würde ich nicht essen, nicht einmal wenn das Gericht von einem Sterne-Koch zubereitet wurde.
Den Fischsalat dagegen würde ich mir sehr gern kredenzen lassen, denn gut essen kann ich im Unterschied zum gut kochen … Ich würde mich darauf freuen, sofern sich ein einigermaßen erfahrener Koch des Rezepts annimmt. Denn ich kriege zwar eine halbwegs akzeptable Spaghetti-Sauce hin und kann auch nach Rezept kochen, aber das ist nur blindes Befolgen von Anweisungen. Wenn mir eine Zutat fehlt, weiß ich nicht, wie diese am besten zu ersetzen ist, und erst da beginnt ja die Kunst zu kochen. Im Roman kann ich leicht tröten: "Es gibt lecker Fischsalat mit blauer Sauce", aber in der Küche stehe ich dann dumm herum und frage mich: Wie wird die Sauce blau? Und wie der Fisch lecker?
Und wie geht es nun weiter? Dürfen wir auf ein Wiedersehen mit Ben, Yanko, Anula, Nica und den Drachen hoffen?
Das ist eine gute Frage … Ehrlich gesagt, weiß ich es selbst noch nicht. Anders als beispielsweise in Der Herr der Ringe oder Harry Potter gibt es ja keinen zentralen Gegenspieler, der von Anfang an die große Bedrohung ist und mit dessen Ende auch die Geschichte zuende ist. Im Drachenflüsterer geht es um den Kampf für die Wahrheit, gegen seit Jahrhunderten verbreitete Überzeugungen, gegen einen mächtigen Orden und dessen zahlreiche Vertreter. Die Situation von Ben und seinen Freunden hat etwas von Robin Hood, nur dass es eben keinen guten König gibt, der irgendwann heimkehren könnte, und dann ist wieder alles gut. Als würde Robin Hood nicht nur gegen den habgierigen und grausamen Johann Ohneland antreten, sondern gleich die ganze Monarchie abschaffen wollen. Es gibt keinen Ring, den man vernichten muss, um ein einziges großes Ziel zu erreichen. Dieses alles umfassende Ziel gibt es nicht, sondern nur Taten, für die Ben und seine Freunde sich selbst entscheiden müssen, bzw. zu denen sie durch bestimmte Situationen getrieben werden, was sie in eine neue Situation bringt, usw. Das bedeutet, dass sie theoretisch noch zahlreiche Abenteuer erleben könnten. Schließlich gibt es noch zahlreiche Drachen, die befreit werden können ...
Doch anders als nach dem ersten und zweiten Teil, als ich eine sehr klare Vorstellung von einer möglichen Fortsetzung hatte, als ich wusste, welches Thema und neue Puzzleteil ich dem ganzen Bild noch hinzufügen wollte, habe ich jetzt zwar zahlreiche Ideen und Gedanken, was noch alles geschehen könnte und wie sich die Figuren entwickeln könnten, aber noch fehlt eine Klammer für einen möglichen Roman. Und ich möchte mich nicht hinsetzen und einen vierten Teil schreiben, wenn ich nicht überzeugt bin, der Drachenflüsterer-Welt etwas neues hinzuzufügen. Jeder der ersten drei Romane hat eine leicht andere Grundstimmung, versetzt die Figuren in eine andere Situation, und das ist mir wichtig. Momentan habe ich Ideen für kürzere Erzählungen oder vielleicht eine Novelle, aber nichts, das einen ganzen Roman tragen würde. Sollte ich irgendwann darauf stoßen, werde ich es schreiben, wenn nicht, dann nicht. Für mich ist die Geschichte mit den drei Bänden erst einmal rund, auch wenn natürlich nicht alle Fragen beantwortet und alle Probleme gelöst sind.
Darüber hinaus brauche ich die Abwechslung und muss jetzt erst etwas anderes schreiben, bevor ich wieder über Drachen nachdenken kann. Erst durch diesen Abstand bekomme ich einen neuen Blickwinkel auf die Drachenflüsterer-Welt, und nur mit einem neuen Blickwinkel kann ich entscheiden, ob ich noch einmal zu Ben und seinen Freunden zurückkehren will.
Was bedeutet für Sie nun konkret Abwechslung? Können Sie uns zu Ihrem nächsten Projekt schon etwas zu verraten?
Zum einen habe ich nach Abschluss des Romans sechs groteske und phantastische Erzählungen überarbeitet, die ich für das StirnhirnhinterZimmer geschrieben habe, die Berliner Lesebühne von Markolf Hoffmann, Christian von Aster und mir. Auch die Kollegen habe je sechs ihrer Geschichten überarbeitet, erscheinen werden diese gemeinsam demnächst in einem Sammelband.
Inzwischen sitze ich an einem Roman für Markus Heitz Justifiers-Universum, das bedeutet dunkle SF-Abenteuer in einer fernen Zukunft. Der Hintergrund bietet wunderbar viele Möglichkeiten und Raum für unterschiedliche Geschichten, und es ist einfach schön, gemeinsam mit charmanten Kollegen an einer solchen Welt zu stricken. Danach werde ich dann wohl wieder ins Jugendbuch oder zum AllAge zurückkehren. Wieweit das dann ein phantastischer Titel wird, weiß ich noch nicht. Wie ich schon sagte, ich brauche die Abwechslung ...